Das letzte Geheimnis ist…

imageUnter einem schattigem Baum auf der Insel Kos kam mir der Eid des Hippokrates in den Sinn. „Was ich  bei der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen,  werde ich , soweit man es nicht ausplaudern darf,  verschweigen und als Geheimnis betrachten..“, heißt es da  (neben ersten Gedanken zur Sozialversicherung). Wenn ich  unbefugt ein fremdes Geheimnis als Arzt in der Bundesrepublik  ausplaudere, kann ich für ein Jahr ins Gefängnis wandern oder auch eine Geldbuße von bis zu 50000 Euro zahlen. In meiner ärztlichen Ethik gehe ich weiter, ich könnte ein whistleblower der Medizin werden, aber ich sehe, es gibt sie schon, die Medical Whistleblower. Verfremdet wie bei Brecht, anonym,  aber im allgemeinen Interesse sind meine „Falldarstellungen“, spreche ich  von einem intelligenten , warmherzigen , gut  aussehenden, nicht auf seinem Vorteil bedachten Patienten,  wird sich ja so leicht niemand darin wiederentdecken oder doch jeder?

Ich wollte ja das letzte Geheimnis  des Menschen lüften:   Es ist… der Traum, der manchmal so geheimnisvoll ist,  dass  der Träumer ihn selbst nicht begreift.  Zwei Perspektiven erscheinen mir möglich.  „Ich träume“, ist die eine,  die andere ist:“Mir träumte.“ Wenn ich  träume,  dann bekomme ich Botschaften aus meinem Unbewußten, ich bin dann selbst der Produzent meiner Wunsch-oder auch Albträume. In Krisen , wenn man alles zu verlieren scheint, ist der Traum oft der letzte Besitz,  die Konflikte offenbaren sich  in  hochkreativen Gleichnissen. Ihre Entschlüsselung ist ein Gewinn an Selbstwert. Wenn „mir träumt“, dass  ich  im Traum Schlangen oder mythologische Fabelwesen sehe, dann kommen diese Träume aus tieferen, menschheitsübergreifenden, kollektiven Schichten. Solche Träume vergisst man nicht wie ein Erlebnis, das einen gefühlsmäßig stark ergriffen hat.  Zu theoretisch?  Dann ein praktisches Beispiel.  Ein Patient,  der mir eine Schweigepflichtentbindungserklärung gab, berichtete “ seinen“ Urtraum: “ Er ging in seinem Hause auf den Marmorstufen seiner Treppe, die über vier Stockwerke führte , in den Heizungskeller ( suchte er Wärme?). Er öffnete die schwere Metalltür und blickte auf einen breiten dunklen Fluss: in dem Fluss wandt sich langsam ein riesiger goldgänzender Fisch – groß wie ein Wal-  mit verschatteten halbgeschlossen  Augen  wie in schmerzhafter Qual. Von verschiedenen Seiten näherten sich  Boote mit Fischern, die den Fisch mit Netzen vor dem Ertrinken (schon traumhaft paradox) bewahren wollten.“ Dieser Traum,  so berichtete  der Patient, befreite ihn aus einer ambivalenten Lebenssituation. Der Fisch,  das war für ihn Symbol seiner Vitalität und Sexualität,  die in seiner Ehe zu ersticken drohten; die Fischer,  das waren seine letzten helfenden Kräfte,  die er noch besaß.  Nach diesem Traum, der ihm eindringlich  seine Not in der Ehe bildlich und mythologisch vor Augen führte,  entschied er sich, sich von seiner Partnerin zu trennen. .

Träume, selbst Albträume können wir als Geschenke auffassen,  wenn wir bereit sind, die Botschaft erkennen zu wollen. Wie es Martin, dem jungen Mann, gelang,  der – sich selbst als sanftmütigen  Mensch betrachtend -vor dem  Albtraum erschrak , dessen Grausamkeit er gar nicht wahrhaben wollte als seine ureigene  Traumproduktion. Er träumte: Mit dem umgänglichen Freund  Helmut aus dem Tennisclub lief er über eine  Frühlingswiese. Vor ihren Augen stand plötzlich  ein großes weißes „Rote Kreuz Zelt“. Sie traten ein: in einer Ecke lag Rainer, die Nr.1 des Vereins, erschlagen in einer  Blutlache. Martin war fassungslos, aber Helmut sagte:“ Ach , lass den da, wir, wir  gehen jetzt ein Bier trinken.“ Tagelang grübelte Martin, der ein begeisterter Hobbytennisspieler war,  über den Sinn des Traumes  nach. Hatte Martin nicht erst kürzlich  gesagt, wenn er mal stürbe, dann solle seine Asche auf der Asche eines Tennisplatzes verstreut werden. Dann nach einigen Tagen  fiel ihm der Sinn des unverständlichen Trauminhalts ein,  es fiel ihm wie  Schuppen von den Augen : In den letzten  Wochen  hatte er praktisch wie ein „Geisteskranker“ täglich  nach  der Arbeit traniert,  Aufschläge, „überrissene Bälle“, Volleys,  er wollte auf der Rangliste des Vereins hochklettern, ja die Nr.1 , werden. Jetzt wurde ihm sein übertriebener Ehrgeiz bewußt, der selbst vor der Gesundheit, dem Totschlag des anderen nicht zurückschreckt ( Wie z.B.gibt  Muhammed Alio in Kinshasa George Forman „vernichtet“). Martin begreift den Traum als Weg zur Umkehr,  er spielt nur noch  einmal die Woche Tennis und ist mit sich selbst  im Einklang.

Und was sagte Shakespeare:We are such  stuff as dreams are made on/ an our little lifé is rounded withe a sleep.

Advertisements

Rollentausch

Dr. X., ich, der gelernte Arzt, wechselte die Seite, ging nunmehr selbst als Patient ins Krankenhaus. Verantwortung sollten nun mal andere Ärzte für mich übernehmen. Schwestern dürfen mich verwöhnen. Ich erwachte aus der Narkose: „Schwester Brigitte, könnten Sie mir einen Kaffee bringen?“ „Ja,gern.“ Nach einer Stunde: „Der Kaffee, wo bleibt er?  In einem Café wäre ich jetzt echt sauer, Schwester Brigitte!“  „Herr Doktor, Sie sind hier nicht in einem Hotel, Sie sind im Krankenhaus!“

Der Pfleger kommt: „Ich muss Ihnen die Heparinspritze geben.“ Ich ziehe mein Hemd hoch, mache den Unterbauch frei. „Nein, wir spritzen in den Oberarm!“ „Wie bitte? „“Ja, das ist Anordnung vom Chefarzt. Das hat schon sein Vorgänger so gemacht!“  Also gut, noch ist mein Wille nach der Narkose nicht stark genug, ich stimme zu. Prompt landet die Nadel nicht subkutan, sondern schmerzhaft intramuskulär. Am nächsten Tag beharre ich auf  Injektion in meinen Unterbauch.

In der Nacht nach der Operation ereilt mich ein fürchterlicher Durchfall mit einem Chaos der Elektrolyte. Habe ich etwa  einen berüchtigten Krankenhauskeim eingefangen? Diesen diffizilen Darmkeim?  Nein, da hatte ich doch noch Glück!

Meine Worte werden durch einen aufkommenden Schluckauf zerhackt. In der Nacht verordne ich mir meine Notschlaftablette,  wache aber wieder mit dem Singultus auf. Woher kommt der Schluckauf?  Durch die Narkose?  Wurde ich  mit Maske beatmet oder wurde ich  intubiert?  Geriet zuviel Luft in den Magen? (Hoffend und doch  umsonst schlucke  ich „Entblähungstabletten“). Wurde das Zwerchfell, das wie die Seele auf griechisch  „phren“ heißt, gereizt. (Sie erinnern sich  an das Wort: Gespaltene Seele – Schizophrenie). Meine Seele wurde jedenfalls durch  den sieben Tage anhaltenden Hickser gequält, ja, als ich  zur Selbstmedikation überging und MCP-Tabletten einnahm,  wandelte sich  der Hickser in ein beklemmendes Röcheln. (Wie froh war ich,  als mir ein Kollege einen raschen Temin zur Magenspiegelung – mit gutem Ergebnis – gab). Heute – ca. drei Wochen nach  der Operation – geht mein Atem wieder gleichmäßig, und ich denke nicht mehr an Suizid.

Ein anderes medizinisches Thema: Gestern abend konnte sich  mein Freund nicht darüber einkriegen,  dass Beethoven als tauber Mensch  noch  eine Symphonie mit allen Stimmen schreiben konnte.  Meine Frau warf ein,  dass Vincent van Gogh nach Verlust eines Ohres ja sogar noch malen konnte!